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11. September 2008 4 11 /09 /September /2008 14:21

 

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In einem heute nicht mehr existierenden Staat wurde vor vielen, vielen Jahren – ein Mensch geboren. Der Mensch war ganz frisch in seiner Welt und auch nur einen Bruchteil so groß, wie ein herkömmlich ganzer Mensch. Doch das Leben hatte für den neuen Menschen gesorgt und dessen Ankunft so eingefädelt, dass er in eine Familie geboren wurde, die sich um alles kümmerte, was es brauchte, damit der frische Mensch in Geborgenheit, Frieden und mittels eigener Erfahrungen - zu einem ganzen Menschen erwachsen konnte.

Während das Kind erwuchs, gab es in seiner Welt niemals einen Mangel an Geld. Die Familie, in welche das Kind geboren wurde, gehörte einem reisenden Volk an. Diese Menschen waren jedoch keine Zigeuner der allgemeinen Art, sondern einfach Gewerbetreibende, die sich selbst als Schausteller  bezeichneten. Deren Einnahmequelle bestand zum Beispiel im Betreiben einer Achterbahn oder Tombola[1] mit Losen. Stände mit Zuckerwatte, duftende Waffeln, ein Kinderkarussell, Schieß- und Wurfbude gehörten auch mit dazu. All diese Attraktionen waren außerordentlich gefragt, wenn ganze Dörfer, Städte, oder auch nur die Feuerwehr des Ortes ein Fest feierte. Die Schaustellerei ist ein weltweit anerkannter Beruf, der in seiner Ursprünglichkeit langsam ausstirbt, oder anders ausgedrückt – ausgedient hat. Ein Schicksal, welches einfach jeden Beruf in der Menschenwelt - irgendwann ergreift. Nur der Mensch selbst bleibt.

 

In den ersten Jahren seines bewussten Daseins - nahm das Kind wahr, dass die jeweiligen Tageseinnahmen der Schausteller am Abend auf einen runden Tisch im Wohnwagen geschüttet und anschließend nach Scheinen und Münzen - in Häufchen sortiert wurden. Immer und immer wieder erklang das Geräusch, welches das Leeren eines Kastens begleitete. Es klingelte, es raschelte, und das Kind glaubte, dass es in jeder Familie so war – mit dem Geld. Es gab in dem Kind keinen Gedanken an irgendeine Zukunft. Das Leben passierte jetzt, fühlbar, bunt und schön.

 

Als das Kind im Alter von 6 Jahren an eine Schule in der großen Stadt eingeschult wurde, fiel es ihm anfänglich schwer, Stunde für Stunde in dem engen Klassenraum zu sitzen. Die bisher erfahrene Weite der Natur fehlte ihm schmerzhaft. Jedoch das neue Wissen in der Schule erregte schnell des Kindes Neugier. Das Lesen und Rechnen lernen machte Freude, und der Geist des Kindes wollte mehr. Das zum Leben benötigte Geld war zu diesem Zeitpunkt immer noch kein Thema in des Kindes Welt. Zwar wusste das Kind inzwischen, dass ein Mensch mit Geld Süßigkeiten und andere nette Dinge kaufen konnte, doch das Kind bekam diese Dinge auch so und verspürte noch keinen Wunsch nach eigenem Geld.

 

Die Eltern hatten zwei Jahre, bevor das Kind eingeschult wurde, in der großen Stadt, die in der Mitte des Landes lag, studiert. Nach dem Abschluss des Studiums fanden sowohl die Mutter als auch der Vater eine gut bezahlte Anstellung. Nachdem die Eltern des Kindes in der Stadt von der zuständigen Behörde eine Wohnung zugewiesen bekamen, wechselten sie nun vollständig und natürlich gemeinsam mit dem Kind ihren Hauptwohnort. Sie brachen mit der Tradition und verknüpften sich nicht fester mit dem auf die Schaustellerei gegründeten Existenzband der Familie, wie vier Generationen es vor ihnen getan hatten. An zahlreichen Wochenenden im Jahr und auch in den Schulferien wurde jedoch die Verwandtschaft gern besucht. ... und das Kind pendelte - wie von einer Welt in die andere - jahrelang zwischen Stadt und Land - hin und her.

 

Die ersten Sommerferien wurden natürlich auf dem Land, bei den Verwandten verbracht. In diesem Sommer veränderte sich etwas im Kind. Es veränderte und erweiterte seine Sicht von der Welt. Die Großmutter hatte entschieden, dass das Kind nun alt genug sei, um Verantwortung zu tragen, und gab diesem kleine Aufträge, deren Ausführung sie dem Kinde bezahlte. Eine Stunde am Kinderkarussell die Fahrkarten kontrollieren, zauberte eine Mark in des Kindes Hosentasche. Dabei hatte das Kind gar keinen Bedarf an einem Gelderwerb, denn es bekam von der Großmutter ausreichend Süßigkeiten, und selbst das Eis - aus dem fahrenden Eis-Café der Tante - war ihm kostenlos erhältlich. ... und so wanderte die eine Mark des Kindes immer wieder in die Tasche der Großmutter zurück, da sich das Kind jedes Mal für das Geld - vier Glückslose an deren Tombola kaufte.

 

Alles, was das Kind an der Tombola der Großmutter hätte gewinnen können, bekam es auf Bitten - auch einfach geschenkt. Nicht immer sofort, doch fühlbar garantiert - mit einer Ausnahme. Die Lose für die Tombola verschenkte die Großmutter nicht, denn diese waren ihr Geschäft und sicherten die Existenz der Familie. Alles Andere schenkte die Großmutter gern, und das Kind hätte keine Lose kaufen müssen. Doch der Grund für das scheinbar verschwenderische Verhalten des Kindes war ein anderer als die Lust am Gewinn. Die ganze Faszination lag für das Kind in jenem Augenblick, in dem es die Lose vom - das Papier geschlossen haltenden - Ring befreite. ... und dann langsam aufrollte, um mit neugierig funkelnden Augen zu entdecken, ob in dem Los eine Niete oder ein Gewinn verborgen lag. Das Kind bezahlte für den Augenblick der Magie, in dem die Botschaft des kleinen Stücks Papier, sein Gesicht gleichgültig werden, oder vor Freude hell erstrahlen ließ.

 

Drei Jahre später arbeitete das Kind schon regelmäßig und in fast allen Schulferien - bei der Großmutter. Das für die Arbeit erhaltene Geld gab das Kind jetzt nicht mehr für Lose aus, sondern es kaufte dafür kleine Geschenke - für Verwandte und Freunde. Bis zu seinem Eintreten in die Arbeitswelt hatte das Kind geglaubt, dass alles Gut auf Erden für alle Menschen gleich nutzbar und erhältlich sei. Die Familie war die Erste Welt, welche das Kind in Augenschein nahm. Dort wurde ihm stets alles gegeben, was es benötigte. Wollte es einmal etwas, was es nach Meinung der Erwachsenen nicht brauchte, konnte das Kind fragen. Meistens bekam es auch dann, was es wollte. Im Laufe der ersten Sommerferien hatte die Großmutter das Kind jedoch über Einiges aufgeklärt. Auch über das Leben, die Arbeit und das Geld. Das Kind hatte offen den Ausführungen der Großmutter gelauscht und sich gemerkt sowie eingeprägt, was sein Verstand begriff.

 

Der Mensch brauchte ein Geschäft, eine bezahlte Arbeit, eine Rente oder ein großes Erbe, um in dieser Welt anständig existieren zu können. Nur dann hatte der Mensch Geld, für welches er sich alles Benötigte kaufen konnte. ... und war der Mensch sparsam und fleißig - konnte er auch jenes irgendwann kaufen, was er nicht benötigte. Dieses war dann nach Auskunft der Großmutter - so genannter Luxus. Menschen, die keine Arbeit und kein Geld hatten, waren arm und mussten betteln, um leben zu können. Sonst blieb diesen Menschen nur der Hungertod.

 

Das Kind war jedoch in seinem Leben und seiner Welt bisher - nie solch einem armen Menschen begegnet. Es kannte lediglich kranke oder alte Menschen, die Geld vom Staat bekamen, weil sie nicht mehr arbeiten konnten. Arme Menschen gab es in der Welt des Kindes nicht. Jeder Mensch konnte atmen, sprechen, hören, lachen, weinen, Freude empfinden und zeigen. Auch die Wohnungen und Häuser der Menschen, denen das Kind in seinen Tagen begegnete, waren weder arm noch reich. Lediglich immer wieder anders, und deswegen nicht weniger interessant - für das Kind und dessen stets wache Neugier auf das Leben sowie für alles, was ihm darin begegnete.

 

Mit den sich wiederholenden Jahren veränderte sich scheinbar nur das Kind. Es wuchs. Die Eltern blieben die Eltern, die Verwandten blieben die Verwandten, die sie schon immer waren und auch wohl immer bleiben würden, selbst nach ihrem Tod. Es gab keinen Mangel im Leben des Kindes, und auch alle Menschen, die um das Kind herum lebten, besaßen stets weitaus mehr - als sie wirklich brauchten.

Eines Tages war das Kind - mit einem gesetzlichen Maßstab gemessen - erwachsen. Es war nun eine junge Frau, lernte einen Beruf und fand auch eine Arbeitsstelle in einem Büro. Etwa zum gleichen Zeitpunkt verliebte sich die junge Frau, wurde schwanger und heiratete unmittelbar nach ihrem 18. Geburtstag. Während sowohl das Kind als auch die Frau, welche sich um das Kind herum sichtbar entwickelt hatte - nie zuvor ein Problem mit dem Erhalt und Auskommen von Geld hatten, wendete sich nun überraschend das Geschehen. In der Gemeinschaft der Zweisamkeit wurden die Wünsche größer und das Geld überraschend knapp. Die junge Frau erstaunte dies, da sie tatsächlich geglaubt hatte, dass in einer Ehe das finanzielle Auskommen eines Menschen gesichert sei und die Dinge sich allgemein einfacher Händeln ließen, denn vier Hände konnten mehr erschaffen - als nur zwei. Nun erlebte sie das Gegenteil.

 

Ein halbes Jahr nach der Hochzeit gebar die Frau ihr erstes Kind. Ohne eigenes Einkommen fühlte sie sich jedoch nicht wohl in ihrer Haut und verbrachte deshalb mehrmals Zeit bei der Großmutter auf dem Land. Diese bot ihr die willkommene Gelegenheit, für die kleine Familie Geld hinzu zu verdienen. Später, als die Frau wieder beruflich tätig sein konnte und das Kind in einer Tagesstätte versorgt wurde, fuhr sie an drei Wochenenden im Monat auch weiterhin, und nun gemeinsam mit dem Kind, zur Großmutter. Jedes Mal kam sie mit mehr Geld in der Tasche zurück, als sie mit auf die Reise genommen hatte.  Die Frau verdiente Geld, das niemals wirklich reichte, um alle Wünsche zu erfüllen. Jedoch hatte die kleine Familie immer mehr - als ausreichend zu essen, war gut gekleidet und zu keinem Zeitpunkt wirklich arm, wenn doch, dann nur im Geist. Eines Tages zerbrach die Ehe und wurde geschieden, da die Frau nicht alle Bedürfnisse ihres Mannes befriedigen konnte.

 

Die Frau arbeitete auch nach der Scheidung der Ehe - teils aus Gier, Langeweile, Dumpfheit und Gewohnheit - an zahlreichen Wochenenden bei den Verwandten für Geld. An einem dieser Wochenenden, während der Fahrt zurück zu ihrem Wohnort - begegnete ihr in der Eisenbahn ein Mann, in welchen sie sich innerhalb weniger Minuten verliebte. Diesen ihr unbekannten Menschen, innerlich ihrem Bild vom Traummann anpasste. Die Begegnung erwies sich als nachhaltig belebend und wurde wiederholt. Was einfach war, da der Mann in derselben Stadt wie die Frau lebte. Von diesem Mann ließ sich die Frau ebenfalls schwängern, und obwohl sie mit dem Mann nicht wirklich glücklich und zufrieden war, heiratete sie ihn nach 5 Jahren gemeinsamer Zeit, denn sie hatte ja gelernt, dass das Leben allein für eine Frau - viel schwieriger sein konnte, als zusammen mit einem anderen und möglichst männlichen Menschen. Dieses Wissen hörte und fand die Frau seit ihrer Kindheit - in den Erzählungen ihrer Familie, in Filmen, im Fernsehen, und hörte es auch - im Radio. Viel und anhaltend wurde dort über all das wieso und warum informiert, welches den Menschen angeblich erfolgreich durch sein Leben führt.

 

Aus ihrem eigenen Leben, Erfahren und Lieben - hatte die Frau scheinbar nichts gelernt. Die Gedanken, Bedenken, Erfahrungen und Meinungen anderer Menschen waren ihr offensichtlich mehr wert als ihre eigene Fähigkeit - denken zu können.

 


[1]  ... auch Losbude genannt. Im Fall der Großmutter handelte es sich um ein von Ort zu Ort fahrendes Geschäft, in dem der Mensch Preise gewinnen konnte, wenn er zuvor Lose zog und Glück hatte. Es gab – wie überall – große und kleine Gewinne sowie Trostpreise, die zwischen Nieten lagen.

 

   
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Published by Luxus Lazarz - in Dichter*Werkstatt
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