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2. Februar 2016 2 02 /02 /Februar /2016 21:37
   
 

Ist der Karren leer, dann zieht es sich leicht. Liegen in dem Karren Dinge oder Wesen, an denen der Ziehende seine Freude entzündet, auch dann ist der Karren nur selten eine Last. Doch liegt im Karren ein richtig fettes Muss, dann wird der Karren manchmal derart schwer ziehbar, dass der Ziehende aufgeben muss, was er im Karren hat, bevor er selbst in diesem endet. 

Einst legte ich mir in den Karren die Uhr, um stets pünktlich zu sein. Zwar war ich auch schon ohne Uhr und Zeit im Leben erfolgreich, doch das habe ich damals verdrängt. Mit Uhr - erschien mir professioneller und das hatte Klang. Der Karren mit der Uhr zog sich tatsächlich nicht immer leicht, doch es gelang mir zu fast 100 Prozent, alle anliegenden Ansprüche auf Pünktlichkeit zu befriedigenden. Nur bei einem Menschen - kam ich nie pünktlich an. Ein einziger Anspruch, der allerdings hart und unbeugsam auf die Minute genau war, brachte meine ganze Statistik durcheinander. Dennoch arbeitete ich weiter an der Erfüllung der Pflicht. Bis eines Tages etwas Merkwürdiges geschah, ich mein Treiben genauer besah und zu einer Erkenntnis kam.

Je mehr ich mich bemühte, pünktlich zu sein, um so irrwitziger wurden die Vorkommnisse, die mein Vorhaben beständig scheitern ließen. Doch all dies passierte nur, wenn ich zu dieser einen Person wollte und fuhr, dorthin, wo schon eine Minute zu spät - gerügt wurde. Damals war ich Mitte der Zwanziger und nutzte die öffentlichen Verkehrsmittel. Wieder einmal zu spät in einer U-Bahn sitzend sowie mich bereits schuldig fühlend, schenkte mir ein Licht damals die Einsicht, dass das Ganze absolut lächerlich war. So konnte ich über mich selbst lachen und auch über das seltsame Beharren des Anderen. 

Drei Minuten nach der vereinbarten Zeit stand ich dieses Mal vor der Tür. Als Diese sich öffnete, waren meine ersten Worte keine gewohnheitsmäßige Entschuldigung, sondern lediglich: Da bin ich, es freut mich, dich zu sehen. Geht es dir gut? Dem folgte ein Schweigen, das Hereinbitten, dann ein Lächeln und Nicken sowie ein weiterhin schöner Nachmittag. Was war geschehen? In der Bahn hatte ich meine Sicht, von der unangenehmen Situation verändert. Erst Jahre später habe ich jedoch verstanden, dass mir die eigene Veränderung vorausgeeilt war, und mich nun hinter der Tür jenes begrüßte, mit dem ich bereits Frieden geschlossen hatte.  

Da die Liebe keinen Bund mit der Zeit schließt, kann es auch nie zu spät sein - zum Lieben dessen, was eben ist.  

PS: Im Zeitalter der Selbstbefreiuung, scheinen sogar die Uhren mitzuspielen und immer öfter, zeigt jede Einzelne von diesen eine andere Zeit an, als zum Beispiel jene im Auto, Internet und Telefon anbieten. Da man auf die Uhr des Anderen sowie auch auf dessen Zeitempfinden nun wahrhaft keinen Einfluss hat, offenbart es sich somit als stete Herausforderung, pünktlich zu sein. Wenn man ohne arg, die gesamte Situation beobachtend erfasst, ist es möglich zu erkennen, dass jede Verspätung eine Berechtigung hat. Manchmal ist der Andere noch nicht bereit, den Gast zu empfangen, in anderen Situationen wiederum, kann man etwas lernen, stets über sich selbst und manchmal auch den Anderen.

 
   

 

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Published by Luxus Lazarz - in Fata Morgana
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